Die "Star Trek"-Episoden, ob mit Kirk, Picard oder Cisco, gelten als "politically correct": Multikulturell ist die Besatzung der "USS Enterprise", ein Schwarzer führt die Raumstation "Deep Space Nine", und die neue "USS Voyager" wird sogar eine Frau als Captain haben. Nur Schwule tauchen bislang in den unendlichen Weiten des Alls nicht auf. Wirklich nicht? Micha Schulze hat bei Recherchen im Paramount-Archiv das folgende, von den TV-Sendern zensierte "Star Trek"-Abenteuer entdeckt:
DER WELTRAUM, UNENDLICHE Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Dies sind die Abenteuer des neuen Raumschiffs Enterprise, das viele Lichtjahre von der Erde entfernt unterwegs ist, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen, neue Zivilisationen. Die Enterprise dringt dabei in Galaxienen vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Eine unheimliche Stille beherrschte die Brücke des Raumschiffs "USS Enterprise", unterbrochen nur vom auf- und abschwellenden Signalton, der zusammen mit den blinkenden Warnleuchten "Alarmstufe Rot" meldete. Die Brückenbesatzung war bereits fast komplett angetreten: Captain Jean-Luc Picard, sein Erster Offizier William Riker, Schiffs-Councelor Deanna Troi und Sicherheitschef Worf, der klingonische Kämpfer. "Wo zum Teufel bleibt Data?" murmelte Picard ärgerlich. Doch er wußte, wer ihm die Auskunft geben konnte: "Computer, lokalisiere Mr. Data!" "Lieutenant Commander Data befindet sich in Begleitung von Fähnrich Wesley Crusher im Sanitätstrakt, Deck 10", schnurrte prompt die weibliche Computerstimme. Kurz darauf ertönte eine zweite Nachricht aus dem Nichts: "Data an Brücke. Verzeihen Sie, Captain, ich werde in voraussichtlich 1,5 Minuten bei Ihnen sein."
Enttäuscht zog Wesley die Uniformhose hoch. "Ausgerechnet jetzt Alarmstufe Rot!" dachte er. Wie gerne hätte er weiter an Datas wohlgeformten Schwanz gerieben - der Schöpfer des blassen Androiden hatte bei dessem besten Stück nicht gerade an Material gegeizt... Es war nicht das ersten Mal, daß Wesley auf der Deck-10-Toilette ein Abenteuer gesucht hatte, doch von allen Männern, die er dort getroffen hatte, war Data zweifellos der attraktivste. "Ob ich doch schwul bin?" Der 16jährige Fähnrich kam ins Grübeln. Wie in Trance verließ er die Toilette und bog in den langen, sterilen Flur zum Turbolift ein. Mit seiner Mutter, der Schiffsärztin Beverly Crusher, konnte Wesley nicht darüber reden, sie würde ihm wahrscheinlich nur Medikamente geben oder zum Councelor in Behandlung schicken. Schwulsein galt in der Vereinigten Förderation der Planeten als längst besiegte Krankheit. Nur bei den Ferengi, die für Geld bekanntlich alles machen, würden Homo-Kontakte noch geflegt, hatte Wesley gehört. Aber mit den großohrigen Wesen wollte kaum jemand in der Galaxis etwas zu tun haben.
"Maximale Vergrößerung!" befahl Captain Picard - und runzelte die Stirn. Der große Bildschrim auf der Brücke, der vom Boden bis zur Decke reichte, zeigte ein rosafarbenes, winkelförmiges Raumschiff. "Bauart und Herkunft unbekannt", analysierte Data: "Antrieb: Materie-Antimaterie-Konverter. An Bord befinden sich 23 humanoide Lebensformen. Waffensysteme nicht erkennbar." Picard überlegte kurz, ob er die Schutzschilde aktivieren sollte, entschloß sich aber, lieber die Grußfrequenzen zu öffnen.
Eine Antwort des fremden Schiffs ließ nicht lange auf sich warten: Auf dem Schrim tauchte eine Person auf, und Picard rieb sich verwundert die Augen: Es war eine goldgelockte Tunte im lilafarbenen Ballkleid, die sich als Commandrice Gloria vom Planeten Andros vorstellte. "Ich freue mich, Deine Bekanntschaft zu machen, Herzchen", säuselte Gloria zum Captain, während sie sich Rouge auf die Wange tupfte: "Ich würde mich freuen, heute abend mit Dir zu speisen, und anschließend möchte ich Dir meine Perrückensammlung zeigen, wie wär's mit 18.15 Uhr Eurer Zeitrechnung?" "Und bring auch den kräftigen Klingonen mit!" warf ein dicker, glatzköpfiger Mann ein, der neben Commandrice Gloria stand. Er war von Kopf bis Fuß in schwarzes Leder gehüllt und trug am Gürtel eine Peitsche. Captain Picard hatte sichtlich Mühe, Haltung zu wahren, doch ihm blieb keine Wahl: Die Richtlinien der Sternenflotte bei Erstkontakt mit fremden Lebensformen zwangen ihn, die undurchsichtige Einladung der Tunte anzunehmen. Eine Abweisung könnte als Affont gewertet werden.
"Ich komme nicht mit, niemals! Mit Schwuchteln will ich nichts zu tun haben!" Wütend sprang Worf von seinem Platz auf und verließ mit polternden Schritten die Komandobesprechung. Die Bitte des Captains, ihn auf das fremde Schiff zu begleiten, hatte ihn tief in seiner klingonischen Ehre verletzt. "Ich habe für sein Verhalten vollstes Verständnis", meinte Offizier Riker zu Data, der Worfs Abgang mit fragendem Gesichtsausdruck beobachtet hatte. "Nun, ich habe Schwierigkeiten, das Verhalten von Worf nachzuvollziehen", antwortet der Androide, "aber vielleicht kann mir einer von Ihnen erklären, was eine "Schwuchtel" charakterisiert. Diese Bezeichnung ist in meinem Wortschatz nicht gespeichert". Niemand antwortete Data. Nur Schiffs-Councelor Deanna Troi schien bemüht, die peinliche Stille zu überbrücken: "Ich habe bei den Fremden nur Freundlichkeit gespürt. Ich denke, wir müssen ihre Einladung annehmen. Es ist die Philosophie der Förderation, auch ungewohnte Lebensformen zu achten." "Ich verstehe aber nicht, wie eine Zivilisation, die solche modernen Raumschiffe konstruieren kann, in ihrem Verhaltenskodex derart unterentwickelt ist", warf Riker ein, "haben Sie dafür eine Erklärung, Data?" "Nein, Sir", antwortete der Androide. Fast schien es, als blickte Data betreten zu Boden.
Anders als sein "Vorfahre" auf der Enterprise, James T. Kirk, war Jean-Luc Picard ein Mann, der sich nicht von Gefühlen leiten ließ, sondern sich an Fakten und Argumenten orientierte. Die offensichtlich schwule Besatzung des fremden Schiffes stellte für ihn dennoch eine Herausforderung dar. Allein die Vorstellung, daß zwei Männer zusammen Zärtlichkeiten austauschten, ließ ihn erschaudern. Eine alte, verdrängte Begebenheit kehrte in sein Gedächtnis zurück: Als 25jähriger Student der Sternenakademie hatte ihm ein Professor angeboten, seine Abschlußnote zu verbessern, wenn er sich mit ihm einließe. Bis heute hatte Picard mit keinem Menschen darüber gesprochen.
Nervös ging Beverly Crusher im Schiffslazarett auf und ab. Zwei Menschen schienen ihre Zuwendung zu benötigen, doch beide waren offensichtlich nicht bereit, über ihre Sorgen zu reden. Mehr noch als um ihren Sohn Wesley sorgte sie sich um Captain Picard, mit dem sie mehr als eine tiefe Freundschaft verband. Schweigend hatte der Captain die Komandobesprechung verlassen, die Befehlsgewalt an Riker übergeben und sich in seinem Quartier zurückgezogen. Als sie ihn dort aufsuchen wollte, hatte er sie ohne ein Wort wieder weggeschickt. Innerlich hoffte Beverly Crusher, daß Picard der Einladung der Schwulen folgen würde. Selbst ihm hatte sie bislang nicht den wahren Grund erzählt, warum sie vor zehn Jahren den Dienst als Stabsärztin auf Ventax 2 quittieren mußte : Sie hatte sich aus Mitgefühl geweigert, eine lesbische Siedlerin mit einer Gehirnoperation zu "behandeln".
"Computer, wieviel Zeit verbleibt mir noch an Bord?" "Bis zur Einladung der Vertreter des Planeten Andros haben Sie noch eine Stunde und 36 Minuten, Captain", antwortete die vertraute Stimme. "Picard an Brücke. Ist jetzt endlich eine Verbindung zum Obersten Kommando möglich?" Data reagierte prompt: "Nein, Sir. Die Störungen im Subraum sind unverändert." "Kann es sein, daß das fremde Schiff für die Störungen verantwortlich ist?" "Ausgeschlossen, Captain", antwortete der Androide: "Es handelt sich um natürliche Interferenzen, verursacht durch ein instabiles Wurmloch in Position Drei-Vier-..." "Danke, Data", unterbrach ihn Picard. Nach einem kurzen Zögern verließ der Captain sein Quartier. Ziel war das Holodeck 2.
Jean-Luc Picard war gespannt, wie der Computer seinen Befehl ausführen würde. Er hatte ihm die Aufgabe gestellt, aus allen verfügbaren Daten über Homosexualität eine kurze, aber umfassende Reise in die Welt der Schwulen zu simulieren. Mit holographischen Nachbildungen von vier wichtigen homosexuellen Persönlichkeiten der Erde wollte er diskutieren, vier klassische Treffpunkte der Szene sollte der Computer nachstellen. "Programm starten!" befahl Picard und betrat das Holodeck. Er befand sich in einer länglichen Bar mit zwei Theken. Auf einem kleinen Fernseher liefen Zeichentrickfilme, auf einer großen Leinwand waren schwule Pornoszenen zu sehen. Picard ging eine Treppe hinab in einen dunklen, überfüllten Raum, in dem es stöhnte und ächste. Eine Hand griff an seine Hosenbeule, und vor seinem Gesicht flammte plötzlich ein Feuerzeug auf. "Herzlich willkommen, Jean-Luc", sagte Magnus Hirschfeld und stellte seine drei Begleiter vor: Tom of Finland, Ru Paul und ein böse dreinblickender Rosa von Praunheim. "Wir befinden uns im 20. Jahrhundert, Captain, dem wichtigsten Zeitalter der Schwulen auf der Erde", sagte Hirschfeld. "Dies ist Tom's Bar in Berlin 1995, unsere weiteren Stationen sind das Konzentrationslager Sachsenhausen 1941 , die Christopher Street in New York 1969 und das schwule Vrolijk-Warenhaus in Amsterdam 1999." - Nache einer Stunde verließ Picard mit zufriedenem Gesicht das Holodeck, schlüpfte in seine Galauniform und beamte sich auf das fremde Schiff. Worf wollte er mit Krankheit entschuldigen.
Vom Raumschiff der Schwulen hatte Wesley nichts mitbekommen, Captain Picard hatte darüber strikte Geheimhaltung verordnet. Doch der junge Fähnrich hatte nicht einmal gemerkt, daß die Enterprise bewegungslos im Raum schwebte, statt wie geplant mit Warp-Geschwindigkeit zu Galen 4 zu fliegen. Wesley war hochgradig verliebt. In Data. Doch als er den Androiden in seinem Quartier aufsuchte, traf ihn der Schlag: "Ich hatte bei unserer Begegnung im Sanitärtrakt aud Deck 10 nicht beabsichtigt, Sie zu verwirren", erklärte Data in seiner umständlichen Art: "Meine Bereitschaft zur homosexuellen Kontaktaufnahme diente allein dem Ziel, meinen Erfahrungshorizont in einem Bereich zu erweitern, der mir im menschlichen Verhalten tabulisiert erscheint." Mit roten Augen rannte Wesley zur Schiffsbar "Zehn Vorne", um sich mit ein bis zwei romulanischen Cocktails zu trösten. Guinan, die verständnisvolle Barkeeperin, wartete schon auf ihn.
"Computer, bereithalten zum Raufbeamen." Endlich meldete sich der Captain! William Riker, der als Captains Stellvertreter das Kommando führte, viel ein Stein vom Herzen. Er hatte schon überlegt, den Captain trotz gegenteiliger Anweisung zurückzurufen oder gar ein Sicherheitsteam auf das fremde Schiff zu beamen. Nun war er gespannt, was Picard zu erzählen hatte.
"Energie!" befahl Captain Picard. Wie immer kribbelte es an seinem ganzen Körper, als er kurz darauf im Transporter der Enterprise rematerialisierte. Lächelnd wünschte er Miles O'Brien, der an der Tranporterconsole seine Dienst versah, eine gute Nacht und schritt beschwingt zu seinem Quartier. "Huch", dachte Chief O'Brien: Hatte der Captain da am Hals einen Knutschfleck?
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